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12. Episode:  Daniel Donskoy // Musik und Literatur


Für jede Kunst ein Notizbuch


Daniel Donskoy bewegt sich mühelos zwischen Musik, Schauspiel und Literatur. In Notizbüchern nehmen seine Melodien Gestalt an, Charaktere beginnen zu atmen und flüchtige Ideen finden einen Ort, an dem sie bleiben

Herr Donskoy, Sie sind Musiker, Schauspieler, Schriftsteller. Für welche Ihrer Künste benutzen Sie Notizbücher?

Für eigentlich alle, um ehrlich zu sein. Am wichtigsten sind sie für meine Musik. Wenn ich Songs schreibe, muss ich sie mit dem Stift aufs Papier bringen und allein schon die Bewegung des Stiftes beeinflusst die Melodie, die mir dabei in den Sinn kommt. Die Kalligrafie macht etwas mit meinem Verständnis für die Musikalität der Idee.

Wie haben Sie Ihr Buch geschrieben „Brennen“?

Das Buch selbst habe ich am Computer geschrieben, alles davor und danach geschah von Hand. Für die Geschichte habe ich alte Notizen, Tagebücher und Briefe durchgearbeitet. Sobald das Manuskript in Teilen fertig war, habe ich es ausgedruckt und handschriftlich kommentiert. Später im Lektorat habe ich meine Anmerkungen in Notizbücher übertragen.

Wie wichtig sind Notizbücher für Sie?

Ich habe immer mindestens eines dabei. Manchmal höre ich auf der Straße einen Satz, den schreibe ich sofort auf. Auf meinem Schreibtisch habe ich verschiedene Hefte für verschiedene Zwecke: eines für Musik, eines fürs Schreiben, eines für die Organisation.

„Wenn ich Songs schreibe, muss ich sie mit der Hand aufs Papier bringen. Die Bewegung des Stifts beeinflusst die Melodie.

Warum benutzen Sie keine Apps?

Mein Problem mit Apps oder Notes: Es entstehen zu viele Notizen. Manchmal schreibe ich nur ein Wort und öffne sofort die nächste Notiz. Das ist total chaotisch. Mit Notizbüchern halte ich Ordnung, auch meine To-do-Listen für die Woche mache ich dort. Ich liebe es, Dinge abzuhaken und durchzustreichen.

Was kann ein Stift besser als ein Smartphone oder Tablet?

Die Individualität des Menschen zeigen und den Moment. Ein getippter Buchstabe sieht immer gleich aus, die Handschrift aber ist individuell. Man sieht, in welcher Stimmung man war, gehetzt oder entspannt – der gesamte Kontext steckt in der Schrift.

Was kann das Digitale besser?

Das Digitale ist besser für Kommunikation, um Nachrichten und Notizen zu teilen.

Daniel Donskoy verschließt Notizbuch mit dem Gummiband

Unterscheiden sich Ihre handschriftlichen Texte von Ihren digitalen?

Unbedingt. Was ich mit der Hand schreibe, ist authentischer, weil ich da nur für mich schreibe. Sobald ich tippe, denke ich an Kommunikation, dadurch unterscheiden sich die Texte automatisch.

Machen Sie sich für Ihre Arbeit als Schauspieler auch Notizen?

Ja. Ich drucke alles aus, ich hasse es, Dinge digital zu lesen. Ich lese auch noch ganz normale Bücher – ich brauche Papier. Wenn ich Drehbücher durcharbeite, schreibe ich Beats und Rhythmen in die Zeilen, markiere, wenn sich die Stimmung ändert, der Ton kippt. Meine Skripte sehen schlimm aus – alles ist voller Anmerkungen und Zeichnungen.

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„Diese Verbindung von Kopf zu Hand zu Papier ist besser als alles Digitale. Was ich handschriftlich festhalte, verankert sich anders.

Wie wichtig ist Ihnen das Material? Farben? Papier?

Ich bin da gar nicht festgelegt. Ich benutze kleine Hefte, aber auch große, gebundene Lederbücher. Hauptsache, ich habe Papier und einen Stift.

Kugelschreiber oder Bleistift?

Ich mag radierbare Kugelschreiber. Das Beste aus beiden Welten.

Liniert. Sonst drifte ich diagonal ab.

Liniert. Sonst drifte ich diagonal ab.

Füllen Sie ein Notizbuch komplett, bevor Sie ein neues anfangen?

Nein, ich habe immer mehrere im Gebrauch. Ich fange vorne an, schreibe ein Drittel, dann schlage ich das Buch hinten auf und schreibe dort weiter. Am Ende ist vorne ein Drittel voll und hinten ein Drittel, und ich blättere ständig hin und her. Irgendwann hole ich ein neues. Ein frisches Buch setzt mich eher unter Druck – als müsste da ganz viel reingeschrieben werden. Ich mag alte Bücher. Ich habe mein erstes Song-Notizbuch noch, mit den ersten Songtexten. Ich liebe es, zu lesen, was ich vor 14 Jahren dachte.

Sie bewahren also Ihre Notizbücher auf?

Eigentlich schon. Aber ich hatte einen Wohnungsbrand, viele sind verbrannt. Die ganz alten besitze ich noch, sie liegen bei meiner Mutter im Keller.

Was passiert, wenn Sie alte Notizen lesen?

Ich erinnere mich an das Gefühl, das ich beim Aufschreiben hatte. Ich hatte ja erzählt, dass ich für mein Buch alte Tagebücher studiert habe – und an meinen handschriftlichen Notizen konnte ich erkennen, was ich damals gefühlt habe. Das hat mir geholfen, im Buch diese Emotionen genauer zu beschreiben. Der Akt des Aufschreibens von Hand dient also nicht nur der Reflexion, er dient auch später der Erinnerung: Sie wird reichhaltiger, wahrhaftiger.

rundes Portraitbild von Daniel Donskoy

Daniel Donskoy


Daniel Donskoy, 36, ist ein deutscher Schauspieler, Musiker, Regisseur und Autor. Donskoy wurde 1990 in Russland geboren, kurz darauf floh die Familie nach Berlin (seine Mutter stammt aus der Ukraine, sein Vater aus Russland). Kindheit und Jugend verbrachte er in Berlin, ab 2002 in Tel Aviv, wo er mit seiner Mutter lebte. Mit 18 Jahren kehrte Donskoy nach Berlin zurück, jobbte als Barkeeper und Model. Von 2011 bis 2014 absolvierte er eine Schauspiel- und Musicalausbildung an der Arts Educational School in London und belegte ein Semester am Lee Strasberg Institute in New York.

Donskoy spielte danach erfolgreich in Londoner Musicals, seit 2016 ist er in TV-, Serien- und Filmproduktionen zu sehen, trat unter anderem auf in „Victoria“, „The Crown“ und „Strike Back“. Seit Februar 2019 spielt er im „Tatort“ neben Maria Furtwängler den Gerichtsmediziner Nick Schmitz. Im selben Jahr veröffentlichte Donskoy seine erste Single, weitere Alben folgten. Seine Talkshow „Freitagnacht Jews“ (ARD-Mediathek und WDR) wurde 2022 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Im Herbst 2025 erschien sein erster Roman „Brennen“. Daniel Donskoy lebt seit 2019 in London.

Rundes Portrait Autorin Mirna Funk

Autor Mirna Funk 

Mirna Funk ist Schriftstellerin und Essayistin. Sie schreibt über Kultur, Politik, jüdisches Leben. Ihre Romane und Essays verbinden analytische Schärfe mit literarischer Klarheit. Neben ihrer publizistischen Arbeit leitet sie Seminare und kuratiert internationale Projekte. Funk lebt und arbeitet in Berlin und Tel Aviv.

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